Gavin Wood spricht über das Wesen der Kryptowährungen: Über die beiden Epochen von Ethereum und Polkadot

Gavin Wood ist ein selten denkender Geist in der Blockchain-Branche. Als Mitbegründer von Ethereum hat er die Anfangsphase der Krypto-Asset-Revolution vorangetrieben und danach mit der Schaffung von Polkadot neue Möglichkeiten für die Blockchain-Technologie erforscht. Er ist nicht nur ein Techniker, sondern bekannt als Treiber, der die Vision von Web3 verkörpert. In einem kürzlichen tiefgehenden Interview zeigte Gavin Wood eine erstaunlich ehrliche und tiefgründige Analyse seiner Karriere, seiner Bewertung zweier ikonischer Projekte und der grundlegenden technischen Herausforderungen, vor denen die Branche steht.

Das Jahrzehnt Ethereum: Zwischen Erfolg und Enttäuschung

Als Gavin Wood bei Ethereum einst einstieg, war er von diesem Projekt begeistert. 2014 entschied er sich, als Mitbegründer und CTO an Bord zu kommen. Der Grund war einfach und überzeugend: „Es war ein innovatives Projekt, das zur richtigen Zeit kam, mit einem talentierten Team und einer kleinen, leidenschaftlichen Community, die Neues schätzt.“ Zudem zog ihn das Ideal an, gesellschaftlichen Wandel auf Basis der Prinzipien des aufgeklärten Liberalismus zu fördern.

Doch Wood bewertet den aktuellen Stand von Ethereum erstaunlich vorsichtig. Auf die Frage, was das größte Erfolgserlebnis von Ethereum sei, antwortete er überraschend: „Vielleicht die Krypto-Katzen. Ehrlich gesagt bin ich mir nicht sicher.“ Diese Worte tragen eine gewisse Resignation und Ironie. Er fügte hinzu, dass Ethereum die meisten Millionäre hervorgebracht habe, was vor allem auf frühe Finanzierungsrunden und den anschließenden starken Kursanstieg zurückzuführen sei.

„Ehrlich gesagt, ist es schwer zu beurteilen, wie nützlich das wirklich war. Es kommt bei mir nicht an die Erwartungen von vor zehn Jahren heran.“ — Diese Aussage von Wood spiegelt die Kluft zwischen ursprünglichem Traum und Realität wider. Sein Maßstab für Erfolg ist die „Nützlichkeit“. Er beurteilt nur, ob etwas Neues möglich wurde, was vorher nicht ging. Aus dieser Perspektive hat Ethereum die Erwartungen deutlich verfehlt.

Wood gibt zu, dass Ethereum finanziell erfolgreich war. Doch nicht alle seine Erfolgskriterien sind erfüllt, möglicherweise nur ein Teil davon.

Warum Gavin Wood Ethereum verließ: Die Suche nach neuen Möglichkeiten

Ende 2015 traf Gavin Wood eine wichtige Entscheidung. Er war überzeugt, dass es notwendig sei, neue Wege zu erkunden, um Ethereum breiter zu verbreiten. Eine realistische Möglichkeit, externe Gelder zu beschaffen, war die Gründung eines Startups im Ethereum-Ökosystem. Diese Entscheidung wurde gemeinsam mit Vitalik Buterin und dem Kernentwickler Jeff getroffen.

Doch die Wege trennten sich bald. Jeff fand keinen Zugang zum Unternehmertum und verließ Ethereum, um in der Videospielentwicklung tätig zu werden. Vitalik blieb bei der Ethereum Foundation und strebte eine eher akademische Rolle an. Das von Gavin Wood geführte Unternehmen Ethcore zog etwa die Hälfte des technischen Teams der Ethereum Foundation ab, um an Ethereum-Clients zu arbeiten.

Doch Gavin Wood distanzierte sich endgültig vom Ethereum-Ökosystem Ende 2017, als er ein völlig neues Projekt namens Polkadot ins Leben rief.

Die innovative technische Basis von Polkadot: Shared Security und Sharding vereint

Kurz gesagt, ist Polkadot ein System, das verschiedene Blockchain-Architekturen integriert, sie kompatibel macht und unter einem gemeinsamen Sicherheitsrahmen koexistieren lässt. Dieser Ansatz ist äußerst effizient: Bei korrekter Gestaltung können hunderte Chains gleichzeitig geschützt werden – deutlich günstiger als Cosmos, bei dem jede Chain ihre eigene Sicherheit gewährleistet.

Doch Wood scheut sich nicht, auch kritisch über seine Schöpfung zu sprechen. Er erkennt an, dass es treffender sei, Polkadot nicht nur als „Multi-Chain-System“, sondern eher als „Sharding-System“ zu beschreiben. Diese Begriffsänderung ist entscheidend, um die technischen Eigenschaften besser zu verstehen. Mit den jüngsten Fortschritten hat sich auch das Verständnis für Polkadots Rolle weiterentwickelt.

Mit der Einführung von JAM (Join Accumulate Machine) wandelt sich Polkadot in eine neue Richtung. Diese Technik, entwickelt von Wood, funktioniert im Kern als hochoptimierte Rollup-Hosting-Chain. Im Vergleich zu Ethereum-Ansätzen wie Optimistic Rollups oder Zero-Knowledge-Rollups behauptet Wood, dass Polkadots Technologie deutlich effizienter sei.

Zukünftig soll Polkadot vom Multi-Chain-Modell zu einem allgemeineren Rechenressourcenmodell übergehen. Ähnlich wie Ethereum die grundlegende Wertübertragung von Bitcoin auf eine universelle Rechenplattform ausgeweitet hat, soll Polkadot zu einer großen, geteilten Rechenmaschine für vielfältige Anwendungsfälle werden. Das Endziel ist ein System, das zuverlässig funktioniert, Programm-Uploads und -Ausführungen ermöglicht und mehrere Dienste kooperativ betreibt.

Das grundlegende Problem des Shardings: Komplexität und Ineffizienz

Interessanterweise sieht Gavin Wood das größte Erfolgserlebnis von Polkadot in der Realisierung eines sharded Blockchain-Systems – und gleichzeitig die größte Herausforderung, die genau darin liegt. Dieses scheinbare Paradoxon basiert auf tiefgreifenden technischen Problemen.

Er erklärt Sharding anhand eines anschaulichen Vergleichs: Stellen Sie sich eine Arztpraxis aus den 1960er Jahren vor. Patientenakten sind in Schubladen abgelegt. Bei wenigen Akten reicht eine Schublade, bei mehr braucht man mehrere Fächer oder sogar ganze Aktenschränke. Diese Fächer entsprechen Shards, die unabhängig voneinander funktionieren. Beim Suchen in einer Schublade muss man die anderen nicht öffnen.

Doch dieses System birgt Probleme: Wenn eine Schublade voll ist, muss man die Akten neu verteilen. Zum Beispiel, wenn Akten von A bis E in eine andere Schublade verschoben werden, kann es sein, dass diese auch voll ist, was weitere Anpassungen erfordert. Das ist komplex und mühsam, da auch die Labels auf den Schubladen angepasst werden müssen.

Im Blockchain-Kontext wird es noch komplizierter: Smart Contracts interagieren ständig und verändern sich. Wenn Smart Contracts auf verschiedenen Shards interagieren sollen, müssen beide gleichzeitig geöffnet werden. Das bedeutet, zwei Schubladen gleichzeitig zu öffnen, die Interaktionen durchzuführen und dann wieder zu trennen. Dieser Prozess ist äußerst komplex und ineffizient.

Gerade bei Anwendungen mit häufigen Interaktionen ist diese Ineffizienz fatal. Mehrere Shards zu koordinieren, führt zu wachsender Komplexität und sinkender Effizienz.

Wood nutzt die Metapher mehrerer Spielplätze, um das Problem zu verdeutlichen: Wenn mehrere unabhängige Spielplätze existieren, ist alles in Ordnung. Doch wenn man auf mehreren Spielplätzen „Verstecken spielen“ will, wird es schwierig. Ein Spielplatz muss eine Nachricht senden: „Ich bin der Geist. Wenn du in diesem Bereich bist, werde ich dich fangen.“ Ohne vollständige Synchronisation führt das schnell zu Chaos.

Polkadot nutzt XCM (Cross-Consensus Messaging), um Shard-Kommunikation zu ermöglichen. Doch diese Methode ist nur asynchron und eignet sich für langsame Spiele wie Schach. Für Echtzeit-Apps wie „Verstecken“ ist sie ungeeignet.

Dezentrale Börsen (DEX) zeigen dieses Problem deutlich: Beim Handel müssen aktuelle Preise berücksichtigt werden. Bei mehreren Shards ist eine mehrfache Nachrichtenrunde nötig, was die Preise beeinflusst. Während die Nachrichten hin und her gehen, ändern sich die Bedingungen, und der Handel wird unwirksam. Deshalb müssen Transaktionen nahezu synchron ablaufen, was in dezentralen Systemen äußerst schwierig ist.

Durchbruch mit JAM: Neue Möglichkeiten der dynamischen Ressourcenverteilung

Wood schlägt als Lösung für diese grundlegenden Sharding-Probleme JAM (Join Accumulate Machine) vor. Das zentrale Konzept ist, die festen Shards abzuschaffen und eine flexible, dynamische Ressourcenverteilung zu ermöglichen.

Vergleichen wir das mit Verstecken: Früher gab es vier feste Spielplätze, auf die die Spieler beschränkt waren. Mit JAM ist das anders: Es gibt ein großes Spielfeld, in dem Spielplätze je nach Bedarf schnell gebildet und wieder aufgelöst werden.

Wichtig ist, dass das System temporäre Spielplätze dynamisch basierend auf der Nähe und den Interaktionsmöglichkeiten der Spieler bildet. Es versammelt Spieler, die sich „verfolgt werden können“, und bildet so temporäre Spielgruppen. Wenn Spieler den Spielplatz verlassen, passt das System die Grenzen neu an. Spieler, die weit entfernt sind, werden vorübergehend ausgeschlossen und können erst wieder teilnehmen, wenn sie sich nähern.

Übertragen auf Smart Contracts bedeutet das: Alle Smart Contracts teilen sich eine große „Schmelzofen“-Plattform, die dynamisch in Segmente unterteilt wird. Das System extrahiert eine Gruppe von Smart Contracts, führt sie synchron aus, trennt sie wieder und wiederholt den Vorgang mit einer neuen Gruppe. So können mehrere Smart-Contract-Gruppen parallel verarbeitet werden, was die Skalierbarkeit enorm erhöht.

Dieses parallele Vorgehen kann die Interaktionskapazität des Systems um das Hundertfache steigern und echte Skalierbarkeit ermöglichen.

Die Herausforderungen der Blockchain-Industrie: Von Visionen zur Realität

Interessanterweise sieht Wood diese technischen Herausforderungen nicht nur bei Polkadot, sondern als generelles Problem der Branche. Zwischen 2014 und 2015 wurden viele ambitionierte Ideen vorgestellt, um „vertrauenslose“ Zugänge zu bislang unerreichbaren Wirtschaftsbereichen zu schaffen.

Ein Beispiel, das Wood besonders schätzt, ist die Lieferkette: Im Supermarkt gibt es QR-Codes auf Produkten, die bei Scan alle Details offenlegen – Inhaltsstoffe, Herstellungsdatum, Herkunft, Menge. Man möchte wissen, wo die Baumwolle für Kleidung herkommt. Zentralisierte Systeme sind teuer und schwer umzusetzen. Doch dezentral könnten sie möglich sein.

In der Praxis sind solche Anwendungen jedoch kaum umgesetzt. Es gibt Crypto-Projekte im Supply-Chain-Bereich, aber sie sind sehr nischenhaft und beschränkt auf einzelne Märkte. Die große Verheißung ist bisher unerfüllt.

Laut Wood liegt das Problem weniger an der Technik, sondern an der Kluft zwischen Vorstellungskraft und Umsetzbarkeit. Die Branche hat viel Fantasie, doch es fehlt an der Umsetzung in echte Marktanwendungen. Die zugrunde liegenden Technologien brauchen große Verbesserungen. Wood erkennt das an und arbeitet an der Verbesserung der Basistechnologien durch die Entwicklung von JAM, um wertvolle Ideen zu fördern und die Branche voranzubringen.

Doch technologische Verbesserungen allein reichen nicht. Es ist auch eine Herausforderung, den Menschen den Wert zu vermitteln. Das ist schwierig, weil die Aufmerksamkeit der Gesellschaft begrenzt ist. Um praktische, innovative Anwendungen verständlich zu machen, sind hochentwickelte Kommunikationsstrategien notwendig, die über herkömmliches Marketing hinausgehen.

Wood’s Vision: Das wahre Web3 verwirklichen

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Entwicklungen bei Ethereum, Polkadot und künftig JAM kein reiner technischer Fortschritt sind, sondern eine schrittweise Verwirklichung der Web3-Vision. Ethereum zeigte die Möglichkeiten programmierbarer Blockchains. Polkadot präsentierte eine Architektur, die verschiedene Systeme verbindet. Und JAM zielt auf eine echte Lösung für Skalierbarkeit und Interoperabilität.

Sein großes, einfaches Ideal ist eine große, harmonisch zusammenarbeitende, universelle Rechenplattform. Wood stellt sich ein „einheitliches System“ vor, das „ohne Trennung und Isolation“ funktioniert. Solange dieses Ziel nicht erreicht ist, wird er weiter an seiner Vision arbeiten.

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